von Blog: Mandi / Fotos: Caroline
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29. November 2023
Gran Canaria konnten wir von Nord nach Süd und von Ost nach West während gut zwei Wochen mit Auto, Fahrrad und zu Fuss erforschen. Wir lernten die Geschichte kennen und waren fasziniert von den Artefakten, der klimatischen Vielfalt der Insel und last but not least der Freundlichkeit der Menschen. Avalon lag gut vertäut in Pasito Blanco und unser kleiner Fiat Panda trug uns über die Insel. Las Palmas hat eine hübsche Altstadt rund ums Cristobal Colon Haus rum. Wir nahmen uns einen ganzen Tag für die Besichtigung, die im Besuch des Hauses gipfelte. Die Ausstellung in den Räumen, die Deko und das Haus selbst sind der Hammer. Man taucht in die Geschichte ein und kann die einzelnen Reisen von Christoph Kolumbus an interaktiven Bildschirmen verfolgen und sich in den Räumen in die Zeit zurück führen lassen. Wir fanden in der Stadt einen Gitarrenhändler und mussten einfach eine spanische Gitarre kaufen. Trotz meiner kaputten linken Hand werde ich versuchen, dem Instrument einige Töne zu entlocken wenn wir auf hoher See sind. Am zweitletzten Tag packten wir unsere Schweizer Freunde von der Diamanta und der Morning Star in unseren Panda und gingen auf Grosseinkauf. Die Rückfahrt wurde zum grossen Gaudi als wir alle Einkäufe und Passagiere schliesslich im kleinen Fiat hatten. (Siehe Foto) Aufgrund der immer noch in den Kanaren befindlichen ARC war es uns nicht vergönnt, einen Marinaplatz in Teneriffe zu bekommen. Wir nahmen nach zwei Wochen Gran Canaria somit Kurs auf El Hierro, der kleinsten Kanareninsel, die als verträumt und etwas abseits der Touristenpfade liegend gilt. Im Puerto de la Estaca hatte es Platz ohne Ende und nach einer ruhigen Nachtfahrt legten wir am zweiten Tag am Fingersteg dort an. Ruhig war die Fahrt, aber nicht ruhig der Funk. Immer wieder kamen Pan Pan Meldungen herein, dass sich etliche unbeleuchtete Flüchtlingsboote vom afrikanischen Festland nach El Hierro bewegten und man einen «sharp lookout» mit entsprechend vorsichtiger Fahrt sicherstellen solle. Es wäre äusserst unangenehm gewesen, hätten wir ein solches Boot in der Nacht gerammt. Die Boote haben sich bis auf eines in Richtung Restinga im Süden bewegt, somit war die Gefahr einigermassen abschätzbar. Auch im Mittelmeer hatten wir etliche Funksprüche der Küstenwache wegen Flüchtlingsbooten in Richtung Lampedusa abgefangen und immer wieder aufpassen müssen. Einige Tage später haben wir die Schiffe in La Restinga gesehen und uns vorstellen können, wie eine solche Fahrt über hunderte von Seemeilen gewesen sein musste. Unvorstellbar!
El Hierro entpuppte sich als zauberhaft. Die Südwestseite der Insel ist wild, vulkanisch, rau und gänzlich mit Lava bedeckt. Die höheren Lagen in der Mitte erinnerte uns an Schottland und Irland mit Nebel, Graswiesen und dichten Nadelwäldern, die förmlich zu Outdooraktivitäten einluden. Die Insel scheint bedeckt von Wacholderbäumen, die sich im permanenten Wind zu märchenhaften Formen entwickelt haben. Der berühmteste dieser gekrümmten Bäume heisst Sabina, wurde zum Markenzeichen von El Hierro und ziert auch die nationale Flagge. In Punta Grande im Westen der Insel steht das kleinste Hotel der Welt auf einem Lavaklotz und wird auf drei Seiten von wilden Wellen und hoch schlagender Gischt umsäumt. Traumhaft! Die Besitzerfamilie hat eine maritime Sammlung von Fundstücken aufgebaut, die den Speisesaal und die Bar in ein romantisches Museum verwandelt haben. Ein Besuch oder sogar ein Kurzaufenthalt ist jeden Cent wert. Während fast zwei Wochen erkundeten wir buchstäblich jeden Fleck der Insel. Caroline hat wie immer, traumhafte Routen, Wanderungen und Sehenswürdigkeiten zusammengestellt, dass uns nie langweilig wurde. Am 12. November 2023 lösten wir schliesslich wieder die Leinen und machten uns auf den Weg nach Mindelo auf den kapverdischen Inseln. 780 Seemeilen mit nordöstlichen Winden und einem Kurs von rund 210 Grad versprachen eine gute Kombination und stetes Vorwärtskommen. Da wir zuerst die Schubstange unseres Windpiloten richten mussten, kam unser Autopilot zum Einsatz. Am zweiten Tag brach die Nocke am Quadranten und machte den Autopiloten unbrauchbar. Wir kamen nicht darum herum, die besagte Schubstange während der Fahrt zu demontieren und zu richten. Die beste aller Steuerfrauen übernahm und Avalon blieb auf Kurs. Das Richten gelang zum Glück, und wir konnten fortan den Wind mit unserer Pacific Plus steuern lassen. Wie schon bei den letzten Ueberfahrten war Caroline die ersten drei Tage leicht seekrank und konnte unter Deck nicht eingesetzt werden. Nach einiger Zeit legte sich das, aber längere Zeit unter Deck war nicht ihr Ding. Sie rüstete Zwiebeln, Knoblauch und Gemüse an Deck und ich verarbeitete die Ware in der Pantry. Wir assen gut und gesund und verzichteten – wie immer, wenn wir unterwegs sind – gänzlich auf Alkohol. Schon nach kurzer Zeit verfielen wir in den Rhythmus von Wache und Freiwache und einzig die schräg von achtern kommenden, teils bis fünf Meter hohen Wellen sorgten manchmal für ein schwieriges Einschlafen. Wir rechneten ursprünglich mit sechs Tagen, aber unser Etmal fiel aufgrund schwächerer Winde zeitweise unter 100 Seemeilen. Am siebten Tag kam San Antao in Sicht und drei Stunden später fuhren wir in die Bucht von Mindelo ein. Wieder unter Motor legten wir in der Marina an und beglückwünschten uns und unsere Stegnachbarn mit einem Glas Weisswein. Die Kap Verden sind unabhängig, können ihre koloniale Vergangenheit mit Portugal aber nicht verleugnen. Alle Menschen sprechen sowohl Kreol wie auch Portugiesisch. Das Essen, die Kultur und auch die Gebäude und Infrastruktur sind portugiesisch geprägt. Je länger je mehr drückt aber Afrika durch. Für uns ein herrliches Tummelfeld. In solchen Ländern können wir alles organisieren und reparieren lassen. Die Menschen sind ein Fundus von Erfindergeist und überall gibt es «Workshops». Wir können handeln, fremdes Essen ausprobieren und das Chaos und die Farben geniessen. Als erstes musste unser Autopilot wieder in Gang gesetzt werden. Bereits am Abend war der Mechaniker organisiert und mit der Schweiss- respektive Dreharbeit des Nockens sowie des Schweissens einer Halterung für die Fischrute beauftragt. Am zweiten Tag war alles fertig und konnte montiert werden. Top Arbeit, perfekt auf Mass gefertigt. Der Pilot konnte wieder eingesetzt werden. Wir mussten aufgrund von Kommunikationsproblemen unser Iridium GO! ebenfalls auf Vordermann bringen und die neueste Firmware auf das Gerät selbst laden. Erstaunlicherweise war dies einfacher als gedacht und erste Versuche zeigten, dass jetzt auch die SMS Funktion sowie die GPS und Zeitangaben auf dem Gerät richtig funktionierten. Heureka! Nach allen «Servicearbeiten» mieteten wir uns mit zwei Deutschen Paaren einen englischsprachigen Führer, Franklin, und machten eine erste Expedition über Sao Vicente. Wir bestiegen den höchsten und den kleinsten Vulkan, besuchten ein Schildkrötenspital, assen in Baias das Gatas in einer kleinen Kneipe und wanderten am Abend mit Franklin durch das Quartier in Mindelo, wo er aufgewachsen war. Es war eindrücklich und manchmal auch sehr bedrückend wie die Menschen hier ihren Alltag meistern müssen. Seit der Pandemie hat die Insel brutal unter dem Rückgang der Einnahmen gelitten. Der Tourismus ist zwar noch nicht sehr bedeutend, aber trotzdem mussten sämtliche Investitionen aus Geldmangel gestoppt werden und die Arbeitslosigkeit ging durch die Decke. Nur langsam kommt die Erholung. Wie überall auf der Welt ist Tourismus Fluch und Segen zugleich. Man kann nur hoffen, dass die Gratwanderung gelingt und die Infrastruktur und die Natur nicht überfordert werden, sollte das «Geschäft» dereinst wieder anziehen. Franklin zeigte uns beide Seiten seiner Welt, und wir waren ihm dankbar für diesen intimen Einblick. Nach einer Woche Mindelo organisierten wir uns Fährtickets nach Santo Antao und Caroline durchsuchte das Internet nach einer hübschen Bleibe für zwei Nächte. In solchen Dingen ist sie nicht zu schlagen. Mit detektivischem Spürsinn findet sie immer wieder traumhafte Lodges und interessante Routen. So auch diesmal. Von Porto Novo aus erhandelten wir uns einen Land Cruiser mit französisch sprechendem Fahrer, der uns entlang der Ost- und Nordküste nach Cruzinha da Graça und gleich nördlich des Dorf ins Mamiwata Eco Village fuhr. Juao, unser Fahrer, entpuppte sich als Top-Reiseführer mit einem umfassenden Wissen über die Geschichte und Geographie der Insel. Er schlug uns einige Hot Spots vor, die wir unbedingt sehen mussten. So beschlossen wir, ihn am Tag drei wieder zu chartern und diese Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Das Mamiwata war der Knüller. Unser Bungalow war ein rechteckiger Würfel auf einem Felsklotz über den steil abfallenden Kliffs mit Terrasse direkt auf die Brandung und die wild zerklüftete Küste. Wir konnten das Meer vom grossen Kingsize Bett aus sehen und hören. Da es in der Nähe keine Restaurants hatte, assen wir auch im Mamiwata. Alles war auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Es gab keinen Plastik, keine Verpackungen, keine Petflaschen und sowohl Früchte und Gemüse wurden in der Umgebung oder im eigenen Garten angepflanzt und mit gefiltertem «Abwasser» bewässert. Wir durften nur die hoteleigenen Seifen und Duschgels verwenden. Alles Andere hätte die Filter verstopft. Am zweiten Tag machten wir eine Wanderung ins nahe gelegene Fischerdorf und dann für zwei Stunden der wilden Küste entlang. Es ging rauf und runter und forderte unsere schlappen Muskeln wieder einmal richtig heraus. An einem einsamen schwarzen Sandstrand assen wir unsere «lunch packages» und kehrten dann um. Nach insgesamt vier harten Wanderstunden waren wir zurück in der Lodge und fielen völlig erschlagen auf unsere Terrasse. Meine Wanderstiefelsohlen hatten sich in Einzelteile aufgelöst wie seinerzeit meine Segelstiefel in Preveza. Einmal mehr zeigte sich, dass Plastik und Kunststoffe dem harten Gebrauch in Sonne, Meer, Sand und Hitze einfach nicht lange trotzen. Stoffe, genähte Verbindungen, Leder und natürliche Materialien sind viel besser dafür geeignet und halten bedeutend länger. Wir nahmen whats app Kontakt mit Juao auf und vereinbarten den Treff um 10.30 h am nächsten Morgen. Verständlicherweise schliefen wir wie die Murmeltiere in dieser Nacht. Vielleicht war es auch der einheimische Wein und das Rauschen des Meers. Nach einem hervorragenden Morgenessen mit Früchten, Eiern, warmem Brot und selbstgemachter Marmelade gings mit Juao auf Tour. Wir fuhren durch märchenhafte Täler, wild romantische Schluchten und Berge. Alles tropisch fruchtbar mit Brotbäumen, Bananen, Avocado, Palmen, Inhame und mehr. Das Vallé de Paul schlug alles bisher Gesehene. Wir besuchten die 1956 gegründete Rhumdistillerie «Beth d’Kinha», die wohl kleinste, die wir je gesehen hatten, degustierten und kauften zwei Flaschen Grogue Velha. So brachten wir unseren Rhum Vorrat wieder auf Vordermann. Ueber Sinagoga gings zurück nach Ribeira Grande und dann über die wohl spektakulärste Passstrasse aller Zeiten in Richtung Porto Novo. Wir glaubten zu Träumen. Während 14 Jahren hatten die Portugiesen vor 60 Jahren diese Strasse über die 1400m hohen Vulkane mit Pflastersteinen gebaut. Sie sieht heute noch genauso aus wie vor 60 Jahren. Man fährt durch tropische Vegetation und kommt mit der Höhe in alpin anmutende Nadelwälder. Man fährt über Vulkankreten mit bis zu 800 m abfallenden Steilwänden. An vielen Stellen, wurde die Strasse buchstäblich in die Felsen und Lavaklötze geschnitten. Es ist atemberaubend. Die Formen der Vulkane, deren Ränder und Täler stachen durch die grüne Vegetation noch viel stärker hervor. Wir waren verzaubert von dieser Insel und konnten nicht genug bekommen. Juao beantwortete alle Fragen. Sein Wissen über die Gegend schien unermesslich. Kaum erreicht man die Südseite wird schlagartig alles trocken und man wähnt sich zwanzig Minuten später wieder in einer staubtrockenen Lavawüste, wo kaum mehr ein Grashalm wächst. Faszinierend würde Commander Spock sagen! Juao fuhr uns zum Hafen, und wir verabschiedeten uns herzlich und dankbar von ihm. Ein kleiner Lunch im Restaurant rundete die Tour ab. Pünktlich um vier Uhr legte die Fähre ab und bereits eineinhalb Stunden später waren wir wieder in unserer Marina in Mindelo. In der Zwischenzeit waren Diamanta und Morning Star auch in der Marina angekommen und es gab ein grosses und herzliches Wiedersehen. Es trennen uns jetzt noch drei Tage vom grossen Aufbruch über den Atlantik. Die Tage sind erfüllt von den letzten Vorbereitungen. Dann geht das Abenteuer weiter.