von Blog: Mandi / Fotos: Caroline
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13. Januar 2025
Am Abend des 25. Novembers legten wir ab und segelten der untergehenden Sonne entgegen. Diese magischen Momente, wenn die glühende Scheibe hinter dem Horizont verschwindet, sind immer wieder ergreifend. Wir lächelten uns an und wussten, dass das letzte Abenteuer mit Avalon begonnen hatte. Wir hatten keine Ahnung, ob unsere Pläne überhaupt funktionieren würden, ob uns die Winde gnädig sein werden oder ob wir komplett umdisponieren werden müssen. Alles war offen und wir waren auch bereit für Aenderungen. Am Morgen des 27. November erreichten wir Isla La Blanquilla und legten uns an der Westküste vor Anker. Es schien, als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt. Wir sahen bis am Abend keine Menschenseele und konnten uns ausgiebig ausruhen, baden, essen und schlafen. Als es eindunkelte, legte sich ein Fischer in unsere Nähe und irgendwann in der Nacht fand sich nördlich von uns ein Katamaran ein. Nach einem ausgiebigen Frühstück holten wir den Anker ein und machten uns auf den Weg zu den Islas Los Roques, die rund 80 Seemeilen (nm) nördlich von Caracas liegen und zu den absoluten Musts der Karibik gehören. Ein Naturwunder im Atlantik, ein Archipel bestehend aus verschiedenen Korallenbänken mit kleinen Inseln, in dem man Wochen verbringen könnte. In der Ausprägung sehr flach, bietet es eigentlich nur wenig Schutz gegen Wind, aber recht guten gegen hohe Wellen. Am Morgen des 29. November erreichten wir Gran Roque, setzten uns mit Alejandro Linares, unserem Agenten, in Verbindung und warfen in einem Sandpatch vor dem hübschen Ort Anker. Wir wasserten unser Dinghi ein, fuhren zum «Flugplatz» und trafen uns mit Alejandro. Er erledigte das Ein-/Ausklarieren in Rekordzeit, liess unsere Pässe sowohl mit einem Ein- wie auch Ausreisestempel zwei Wochen später versehen, händigte uns die Port Declaration und Aufenthaltsbewilligungen mit Gast-Flagge und Karte des Gebiets aus und schickte Routen und Ankerplätze von Navionics auf whats app. Innerhalb von kaum zwanzig Minuten hatten wir alles, was wir brauchten. Sympathisch und korrekt von der Scheitel bis zur Sohle, war Alejandro jeden Dollar wert, den wir ihm für seinen Service zahlten. Er bot uns einen 24 Stundenservice für die zwei Wochen an und verabschiedete sich dann. Venezuela gefiel uns vom Start weg! Wir assen etwas und zogen uns dann müde aufs Schiff zurück, um nach der langen Ueberfahrt endlich wieder am Stück schlafen zu können. Am nächsten Tag erkundeten wir den kleinen Ort, fanden Einkaufsmöglichkeiten und schöne Restaurants. Da über Nacht stärkere Winde angesagt waren, wollten wir am Abend noch etwas mehr Kette stecken, aber unser Motor, respektive der Starter machte keinen Wank mehr. Ueber Batterie liessen wir die Kette raus und mussten am nächsten Morgen Alejandro um Hilfe bitten. Wie immer in solchen Fällen war Wochenende und natürlich konnte Alejandro erst am Montag mit seiner Suche nach Anlasser und Mechaniker starten. Zwei Tage später gab er Entwarnung und vermeldete, vermutlich den einzigen Volvo Penta Starter in ganz Venezuela aufgetrieben zu haben. Es vergingen noch weitere zwei Tage, dann flog der Mechaniker samt Ersatzteil ein. Mit dem Dinghi holten wir ihn aufs Schiff und nachdem er alles auseinandergenommen hatte, diagnostizierte er ein elektrisches Problem. Er reparierte alles und wir entschieden, den Anlasser zu unserem Ersatzteillager hinzuzufügen. Man weiss ja nie, was noch alles kommt. Wir bedankten uns herzlich und schipperten den Mech zurück an Land. Endlich konnte das Abenteuer Los Roques starten. Wir suchten den ersten von Alejandro vorgeschlagenen Ankerplatz auf und waren auf weiter Flur wieder das einzige Segelschiff. Herrlich, nach den aufregenden letzten Tage. In Gran Roques hatten wir genügend Nahrungsmittel gebunkert, so konnten wir uns den lukullischen Genüssen voll und ganz hingeben und endlich nach Lust und Laune schwimmen. Da uns Alejandro den Aufenthalt zusätzlich um drei Tage verlängert hatte, konnten wir uns Zeit lassen und das Archipel in Ruhe besuchen. Am zweiten Tag draussen erwischte uns ein Squall mit fast 50 Knoten, riss eines der oberen Solarpanele ab und beim Wegfliegen schlug das Panel alle drei Propellerflügel des Windgenerators um jeweils ein Drittel deren Länge kürzer. Das bedeutete, dass wir durch die Nacht keinen Strom mehr generieren konnten und vor allem bei Fahrten mit dem Autopiloten wahrscheinlich entweder die Kühlschränke abstellen werden oder irgendwann den Motor mitlaufen lassen müssen. Da wir immer noch in Reichweite der Antennen von Gran Roques waren, konnten wir nach einer längeren 3G Internetsuche bei SVB in Deutschland die Ersatzblätter bestellen und nach Hause liefern lassen. Urs und Stefany würden uns das Ersatzteil nach Bonaire bringen können. Die Tage flogen dahin mit Besuchen der einzelnen Inselchen. In Crasqui bot sich uns die einmalige Gelegenheit, bei einer einheimischen Familie zu essen. Sie bereiteten extra für uns Ceviche und eine Languste mit Beilage zu. Das Essen und die Stimmung waren absolut unvergleichlich. Wir unterhielten uns in Spanisch, mit Händen und Füssen. So kam es, dass wir uns vornahmen, Spanisch als nächste Sprache zu lernen.
Wir besuchten auch die Schildkrötenstation in Dos Mosquices, brachten den Rangern fünf Liter Frischwasser – das Versorgungsschiff kommt dort nur alle zwei Wochen – und hielten kleine Schildkröten in Händen. Die Ausgrabungen frühzeitlicher Kulturen auf der Insel sind kaum mehr auszumachen, aber die kleine Ausstellung in einem schattigen Pavillon geben einem einen Eindruck der Entdeckungen. Es seien die ältesten Funde von Ureinwohnern in Venzuela. Mit Cayo de Agua schlossen wir die etwas über zwei Wochen im Archipel ab. Am 15. Dezember 2024 segelten wir nach Bird Island (Barlovento) auf Aves, einer der zwei kleinen Inseln zwischen Los Roques und den holländischen Antillen. Auf der Höhe des Leuchtfeuers im Schutz des Riffs fanden wir eine grosse Sandstelle und warfen Anker auf 4m Wassertiefe. Von Los Roques waren wir glasklares Wasser in den schönsten Blautönen gewohnt, so fiel uns anfänglich gar nicht auf, dass man auch hier fast den Boden unter dem Schiff sehen konnte. Am Abend kamen Fischer und baten uns um Hustenpastillen für einen von ihnen. Unsere umfangreiche Bordapotheke kam wieder einmal zum Einsatz. Sie wollten uns dafür eine Conch (Riesenmuschel) zum Essen geben. Wir lehnten dankend ab und erfreuten uns stattdessen an einer Portion Spaghetti Pesto. Tags darauf nahmen wir die sechzehn Seemeilen nach Sotavento unter den Kiel und legten uns buchstäblich vor der Station der venezolanischen Küstenwache vor Anker. Leider waren wir dort von der Dünung nicht ganz geschützt, konnten wegen der rasch abnehmenden Wassertiefe aber nicht weiter in Landnähe. Mit der Küstenwache funkten wir etwas hin und her, verstehen tat uns aber niemand. So gab es laufs des Nachmittags dann einen kleinen Besuch von drei netten Beamten, die sich wahrscheinlich mehr aus langer Weile dieses Schweizer Schiff anschauen wollten. Wir servierten Orangensaft und warfen für die «Inspektion» noch USD 20.— in den grossen Topf. Nach kurzer Zeit war der Zauber vorbei und drei glückliche Beamte verliessen uns wieder.
Die 45 Seemeilen bis Bonaire waren mühsam und bis in die Abdeckung der Insel von Kreuzsee geprägt. Der Atlantik wollte offenbar wieder mal zeigen, wer hier der Herr war. Wir waren froh, nach über drei Wochen auf See wieder mal in einen ruhigen Hafen zu fahren und ohne Krängung zu kochen und zu schlafen. Die Harbour Village Marina in Bonaire ist klein, aber hübsch und der Hafenmeister ein wirklich netter und hilfsbereiter Mensch. Wir klarierten vorher noch ein und waren somit mit allen Dokumenten ausgerüstet als wir vor dem Marina Office festmachten. Wir bekamen unseren Platz zugewiesen, verholten und liessen uns nieder. Die Suche nach einem Mietwagen für die geplanten zehn Tage gestaltete sich schwierig. Es war Hauptsaison und Weihnachtsferienzeit. Caroline ist bei Internetrecherchen unschlagbar und fand nach einer Stunde Suchen schliesslich einen KIA Picanto. Nicht gerade ideal für die Offroadpisten im Norden der Insel, aber besser als nichts. Wir konnten den Wagen mit unseren Klapprädern am Flugplatz holen und waren jetzt für alle Fälle gerüstet. Am Heiligabend flogen Urs und Steffy ein, und wir holten sie mit unserem Picanto ab. Die Tage mit Ihnen waren gefüllt mit Weihnachts- und Neujahrsfestivitäten, Ausflügen an die verschiedenen Schnorchel-Beaches, einem Segeltag nach Klein Bonaire mit Schnorcheln wie auch gemütlichen Abenden mit hervorragenden Essen. Leider hatten wir immer wieder heftigen Regen, sodass am Ende der Wandertag im Washington Nationalpark buchstäblich ins Wasser fiel. Am 1. Januar klarierten wir aus und am 2. Januar frühmorgens wollten wir nach Curaçao segeln. Nur, die Starterbatterie versagte ihren Dienst. Es nützte alles nichts, sie war durch. Wir warteten bis Budget Marine um 0800 Uhr öffnete, holten eine neue, bauten sie ein und konnten um 0845 Uhr endlich los. Anfänglich unter Motor machten wir flott Fahrt und holten die verlorene Zeit etwas auf. Nach acht Seemeilen setzten wir die Genua und segelten bei schwerer Kreuzsee rund zwei Stunden, bis uns das Geschaukel und der abnehmende Wind schliesslich zu stark auf die Nerven gingen und wir unter Motor und gelegentlich gesetzter Fock die restlichen Meilen bis Willemstad abspulten. Vor der Queen Emma Bridge in der Einfahrt riefen wir den Brückenwärter und die Marina per Funk an und konnten nach kurzer Wartezeit die Pontonbrücke passieren und nach weiteren zwei Meilen in die Marine Zone einlaufen. Customs und Immigration waren noch offen, so bestellten wir uns ein Taxi und liessen uns zu den beiden verschiedenen Aemtern fahren. Als das schliesslich ebenfalls erledigt war, gönnten wir uns ein Nachtessen im ersten (chilenischen) Restaurant, das wir gleich neben dem Customsgebäude fanden. Sie servierten sogar einen «Pain Killer», der auf dieser Länge praktisch unbekannt ist. Wir durften in den kommenden vier Tagen das Auto der Marina haben und waren somit wieder hundertprozentig flexibel. Wir fuhren mit Urs und Steffy ein Teil der Insel ab, liessen sie für sich beachen und ATV Tour fahren und kümmerten uns in der Zwischenzeit um einen Broker und besprachen mit der Marina das weitere Vorgehen.
Wir hatten nach eingehender Routenplanung, Wind- und Wetterstudium entschieden, Avalon bereits zum jetzigen Zeitpunkt zum Verkauf auszuschreiben und falls notwendig sofort aus dem Wasser zu nehmen. Die kulturellen Höhepunkte in Kuba, Guatemala und ggfs. Mexico wollten wir auf dem Landweg machen. Wenn alle Stricke reissen sollten, wäre Aruba eine Alternative und sonst müssten wir Avalon über die Bermudas und die Azoren zurück nach Europa segeln.
Am 10. Januar 2025 fuhren wir Urs und Steffy auf den Flughafen und verabschiedeten uns von ihnen für die nächsten Monate.
Jetzt harren wir hier in der Marina aus, bis wir mit dem Broker die Vertragsformalitäten, Fotos und last but not least die nächsten Schritte besprechen können.